Grundkurs Sozialethik

Das Blog zum Seminar an der Universität Bamberg

Archive for the ‘Sozialprinzipien’ Category

Solidarität nach Anzenbacher (Teil 2)

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Im Bezug auf das Solidaritätsprinzip spielt ein Begriff eine entscheidende Rolle: das Gemeinwohl. Der Begriff „Gemeinwohl“ kann jedoch zwei Bedeutungen haben: zum einen die Bereitstellung von „Mittel und Chancen, die erforderlich sind, damit alle Personen der Gemeinschaft ihre existentiellen Zwecke im Sinne ihrer Lebenspläne verwirklichen können“ (Anzenbacher, 1998, S. 201). In diesem Sinn hat das Gemeinwohl einen „instrumentellen Charakter“, da es der Selbstverwirklichung von Personen dienlich sein soll (Anzenbacher, 1998, S. 201). Auf der anderen Seite kann Gemeinwohl aber auch zielgerichtet verstanden werden, also dass das gemeinsame Wohl aller Gesellschaftsmitglieder erreicht werden soll, „sofern es nur in sozialer Kooperation erstrebt werden kann“ (vgl. UTZ 1958, S. 136, zit. nach Anzenbacher, 1998, S. 201). In dieser Interpretation  wird vor allem der Selbstwertcharakter von Gemeinwohl betont. Anzenbacher macht darauf aufmerksam, dass die Verwirklichung von sozialem Wohl auch eine hohe Eigenverantwortlichkeit erfordert Die Art und Weise, wie also wie eine Person mit den Mitteln und Chancen, die ihr durch soziale Kooperation geboten werden, umgeht, spielt eine überaus große Rolle. (Anzenbacher, 1998, S. 201)

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Written by Katharina Hagen

Dezember 8, 2008 at 11:42 pm

Veröffentlicht in Solidarität

Retinität bei Heimbach-Steins

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Unter Retinität (lat.: rete= Netz) vertseht man das politische Leitbild der Nachhaltigkeit im Kontext des sozialethischen Prinzipienkanons. „Nachhaltigkeit oder nachhaltige Entwicklung meint ein Leitbild für gesamtgesellschaftliche und weltweite Entwicklung. Es berücksichtigt zugleich die sozialen, ökologischen und ökonomischen Erfordernisse in modernen Gesellschaften und fördert durch deren entsprechende Vernetzung eine globale Entwicklung, die den gegenwärtigen und künftigen Generationen gerecht werden soll.“ (Veith, 2004a, S.302)

Als ökologisch-politisches Leitbild umschreibt Nachhaltigkeit ein weltweit angelegtes, länderübergreifendes Entwicklungskonzept, das alle gesellschaftlichen Systeme vernetzt. Entscheidend ist die Rückkoppelung der Entwicklungsprozesse an die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen. Die Sicherung der Grundversorgung und der angemessenen Teilhabe aller heute lebenden Menschen an den Gütern der Erde und angemessenen Entfaltungsmöglichkeiten, sowie die Sicherung der physischen Existenzvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben künftiger Generationen, sind wesentliche Aspekte in Bezug auf den Menschen. (Münk 1998, S.235f.)

Kern der Nachhaltigkeitsforderung stellt die Kategorie der Vernetzung von ökologischen, ökonomischen und sozialem Bereich dar. Ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung dürfen nicht voneinander abgespalten werden und gegeneinander ausgespielt werden. Um menschliche Entwicklung auf Dauer zu sichern, sind alle drei Komponenten als eine immer neu herzustellende notwendige Einheit zu betrachten.

Die Prinzipien der Retinität und der Solidarität hängen eng zusammen: Es geht um grundlegende Werteentscheidungen, welche die Solidaritätsforderung räumlich und zeitlich entgrenzen. Künftige Generationen sollen dementsprechend gleiche Lebenschancen haben wie die heute Lebenden.“ Retinität ist ein eigenes Handlungsprinzip, das zugleich mit den Zivilisationsprozessen so in Beziehung setzt, dass Nachhaltigkeit eine durchgehende Gestaltungsperspektive werden kann.“ ( Münk, 1998,S.243)

Literatur: Heimbach-Steins, Marianne: Sozialethik, in: Dies./Klaus Arntz/Johannes Reiter/Herbert Schlögel, Orientierung finden. Ethik der Lebensbereiche, Freiburg 2008, 193-196.

Written by Christine Fürholzer

Dezember 8, 2008 at 11:41 pm

Das Prinzip der Subsidiarität nach Anzenbacher

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1. Teil: Die Aussage des Prinzips

Der Begriff Subsidiarität kommt von dem lateinischen Wort subsidium und bedeutet Hilfe, Beistand. Die klassische Formulierung dieses Prinzips findet sich in der Enzyklika Quadragesimo anno von Papst Pius XI aus dem Jahr 1931 (DH 3725 – 3744).

Das Subsidiaritätsprinzip versucht eine Regelung für Zuordnung von Zuständigkeiten und Kompetenzen innerhalb eines sozialen Gebildes zu finden. Insofern kann man es auch als das sozialethische Organisationsprinzip des Gemeinwohls auffassen (vgl. Anzenbacher 1998: 112). Dabei können und müssen verschiedene Aspekte dieses Prinzips beachtet werden:
– Jede Tätigkeit in der Gesellschaft ist ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär, d.h. sie ist als Hilfestellung für den einzelnen Menschen zu sehen.
>  Dabei sollte der Einzelne niemals in seiner eigenverantwortlich – autonomen Stellung übergangen werden, d.h. wenn er etwas aus eigenem Antrieb schafft, darf ihm diese Möglichkeit nicht entzogen werden (vgl. Anzenbacher 1998: 112).
– Wenn der Mensch auf Gemeinschaft angewiesen ist, muss sich eine Hilfestellung im Sinne des Subsidiaritätsprinzips an den zwei folgenden Regeln messen lassen können:
1) Das Hilfestellungsgebot besagt, „dass die je größeren und übergeordneten Sozialgebilde im Dienst der kleineren und untergeordneten zu stehen haben“ (Anzenbacher 1998: 113).
2) Das Kompetenzanmaßunsgebot richtet sich zum einen dagegen, „dass die soziale Sphäre den einzelnen Personen Zuständigkeiten entzieht“. Dies gilt aber auch hinsichtlich der größeren und kleineren Sozialgefüge (Anzenbacher 1998: 113).

Bei diesen recht plausibel klingenden Ausführungen darf aber nicht vergessen werden, dass das Prinzip selber nur eine Richtlinie für Handeln sein kann, nie aber ein Rezept. In jeder Situation muss man demnach jeweils überlegen, wie nun eine angemessene Hilfestellung aussehen könnte. Dabei muss jede Handlung daraufhin überdacht werden, ob sie dem Gemeinwohl förderlich ist oder nicht (vgl. Anzenbacher 1998: 114).

Natürlich stellt sich außerdem die Frage, wer nun als Entscheidungsträger fungiert. Dabei hängen die Kompetenzentscheidungen im Wesentlichen ab von der „Eigenart der betreffenden Sozialeinheiten“. Diese können zum Beispiel sein Familie, Diözesen oder Gewerkschaften, um nur wenige zu nennen (Anzenbacher 1998: 114).

2. Teil: Anwendungsebenen:

Im Folgenden sollen drei Anwendungsebenen kurz aufgezeigt werden:

1. Die Subjektstellung der Person mit ihrer Freiheit und ihrem Wohl bildet das Hauptaugenmerk der christlichen Sozialethik. Das heißt, durch soziale Kooperation und Kommunikation soll für jeden Menschen ein Leben in Würde und Freiheit ermöglicht werden (vgl. Anzenbacher 1998: 115f.)
>  dabei gilt: „Die beste Gemeinschaftshilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe“ (Nell- Breuning,  1985: 56, zit. nach Anzenbacher 1998: 116).

Dabei sollte sich eine gute Sozialpolitik unbedingt darum bemühen, nicht nur die Notlagen des Einzelnen zu beseitigen, sondern auch die Missstände zu bekämpfen, die die Probleme hervorrufen und der Selbsthilfe im Wege stehen (Nell – Breuning, 1990: 227ff., zit. nach Anzenbacher1998: 116).

2. Die soziale Sphäre zwischen Person und Staat: Besonders der Staat sollte in seinen  Entscheidungen daran orientiert sein, was dem Wohl seiner Bürger dient und wie die Lebensbedingungen der Menschen optimiert werden können (vgl. Anzenbacher 1998: 118).

3. Die menschheitlich globale Ebene: Sowohl das Personalitäts-, als auch das Subsidiaritätsprinzip stehen in einer menschheitlichen Perspektive und haben zum Ziel die Verwirklichung eines weltweiten Gemeinwohls. Dabei gibt es gerade hier noch erhebliche Defizite. Einige Bespiele (vgl. Anzenbacher 1998: 119):
–  Kriegerische Konflikten weltweit: Forderung einer stärkeren internationalen Rechts- und Friedensordnung.
– Umweltproblem: Bewältigung nur dann möglich, wenn man auf globaler Ebene zusammenarbeitet.
– Globalisierung: Wirtschaft entgleitet den Rahmenordnungen der Staaten. Darum sind dementsprechende internationale Regelungen von Seiten der Politik nötig.
– Entwicklungsproblem: die Not in der 3. Welt fordert eine internationale Entwicklungspolitik.
– Menschenrechtsbewusstsein: Forderung nach weltweiter Politik, die menschenrechtliche Standards sichert, sowohl auf nationaler, als auch auf internationaler Ebene.
Bemerkung: Die Behebung dieser Defizite kann nicht allein durch Politik und Rechtssatzungen gelingen, ebenso ist sie angewiesen auf karitative Projekte wie etwa das Rote Kreuz, Greenpeace oder kirchliche Hilfswerke (vgl. Anzenbacher 1998: 221).

3. Teil: Soziale Gerechtigkeit:

Eine kurze Differenzierung des Begriffs „ Gerechtigkeit“ (vgl. Anzenbacher 1998: 221):
– Gerechtigkeit als Eigenschaft einer Person:  hier ist sie Thema der Individualethik.
– Gerechtigkeit als Eigenschaft eines sozialen Zustandes: hier ist sie Thema der Sozialethik.

Anzenbacher fasst sie folgendermaßen auf: „soziale Gerechtigkeit als jene umfassende Gerechtigkeit, die aus der Grundnorm gemeinwohlartiger Wohlordnung folgt.“ (vgl. Anzenbacher 1998: 221).
> wenn die sozialen Verhältnisse den Kriterien der Prinzipien der christlichen Sozialethik entsprechen, gelten sie als gerecht.

Es gibt verschiedene Teilaspekte der Gerechtigkeit (vgl. Anzenbacher 1998: 222f.):
– Tauschgerechtigkeit: bei Verträgen muss die Menschenwürde des Einzelnen beachtet werden, damit eine gewisse Fairness garantiert ist. (Beispiel: Auseinandersetzungen um Löhne und     Arbeitsbedingungen)
– Beteiligungsgerechtigkeit: jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, aktiv am Leben der Gemeinschaft teilhaben zu können.
– Verteilungsgerechtigkeit: Güter müssen angemessen innerhalb der Gemeinschaft verteilt werden.
– Verfahrensgerechtigkeit:Einsetzen für faire Rechtsvollzüge und Rechtsfindungen.

Verwendete Literatur: Anzenbacher, Arno: Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien. Paderborn (Schöningh) 1998.

Written by Nina Stephan

Dezember 8, 2008 at 11:40 pm

Nachhaltigkeit bei Heimbach-Steins

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Mit dem Begriff Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche und weltweite Entwicklung gemeint, die soziale, ökologische und ökonomische Faktoren in der modernen Gesellschaft mit einbezieht. Die Vernetzung dieser Faktoren fördert die globale Entwicklung gegenwärtiger und auch künftiger Generationen.

Die Verknüpfung von drei normativen Grundelementen ist für das Sozialprinzip der Nachhaltigkeit wesentlich: „(1.) die Entdeckung der Natur bzw. der natürlichen Lebensbedingungen des Menschen als sozialethisch relevante Größe, (2.) die Vernetzung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Problemfelder der Gesellschaft und (3.) die Berücksichtigung der Forderungen intergenerationeller Gerechtigkeit.“ (Heimbach-Steins, Christliche Sozialethik, Band 1, 303.)

Mit dem Sozialprinzip der Nachhaltigkeit reagiert die Sozialethik auf die aktuelle Problemlage der globalen ökologisch-sozialen Krise der modernen Gesellschaft. Als Ursachen dafür werden ein defizitärer Umgang mit der Natur und die mangelnde Vernetzung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Faktoren angegeben.

So begründen die sozialen Konflikte des 19. Jahrhunderts die so genannte „Soziale Frage“ als den ersten Themenkomplex der Sozialethik. Die Aufmerksamkeit richtete sich dabei auf die Suche nach einer gerechten Wirtschafts- und Sozialordnung. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts rückte allmählich die globale Dimension der sozialen Frage in den Vordergrund. Das Krisenphänomen der gegenwärtigen Gesellschaft bezieht sich allerdings nicht nur auf die globale Dimension, sondern bindet die ökologische Dimension der sozialen Frage mit ein. Somit beschäftigt sich die Sozialethik heute mit der globalen ökologisch-sozialen Frage. Die entstandenen vielfältigen Symptome der heutigen ökologischen Krise rufen gegenwärtige, globale Risiken hervor, die darüber hinaus die Existenzbedingungen künftiger Generationen gefährden.

Die Politik versucht seit den 1990er Jahren dieser Problemlage entgegen zu wirken, indem sie ihr Bestreben an dem Leitbild des „sustainable development“ ausrichten. Dieses Leitbild bezeichnet eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung für politisches Handeln erlangt mit der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992) internationale Anerkennung. Dabei sollen die ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren gesellschaftlicher Entwicklung integriert werden.

Im Jahr 1989 führte W. Korff das Prinzip der Gesamtvernetzung oder Retinität in den sozialethischen Diskurs ein und präzisierte damit das Leitbild der Nachhaltigkeit. Retinität fordert im Sinne eines normativen Prinzips die: „dynamische Stabilisierung der komplexen Mensch-Umwelt-Zusammenhänge und zwar durch die Vernetzung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Prozessen.“ (Heimbach-Steins, Christliche Sozialethik, Band 1, 307.)

Auch in verschiedenen Dokumenten der Kirchen bzw. kirchlicher Organisationen griff man das Leitbild nachhaltiger Entwicklung in den 1990er Jahren auf. Die vom BUND und dem Bischöflichen Hilfswerk Misereor herausgegebene Umweltstudie „Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung“ ist ein Beispiel dafür. In der Studie werden der Zusammenhang von Ökologie und Gerechtigkeit sowie verschiedene Umweltindikatoren für Umweltbelastung und Umweltziele vorgestellt. Außerdem entwirft sie greifbare, ökologisch tragfähige Leitbilder für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Im Jahr 1997 entwarfen der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz mit dem ökumenischen Wort „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ erstmals Nachhaltigkeit bzw. Vernetzung als Leitbild und Prinzip in einem Text der Kirchen. Das so genannte „Gemeinsame Wort“ hebt dabei die zeitliche Entschränkung von Solidarität und Gerechtigkeit hervor. Im Sinne eines ökologischen Strukturwandels hat die Politik nicht nur die Interessen, Bedürfnisse und Rechte der heute Lebenden, sondern auch der künftigen Generationen zu berücksichtigen. Die schöpfungstheologische bzw. biblische Ausdeutung von Nachhaltigkeit betont die besondere Verantwortung und Sorge für die Mitgeschöpfe sowie die gesamte Schöpfung. Der Herrschafts- und Hegeauftrag wird im Sinne der Pflicht des schonenden, haushälterischen und bewahrenden Umgangs mit der geschöpflichen Welt gedeutet. So verweist das „Gemeinsame Wort“ auf die Vernetzung von sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemfeldern und auf die Aufgabe der christlichen Sozialethik, diese Zusammenhänge in der Gesellschaft zu verdeutlichen. Die Schrift „Handeln für die Zukunft der Schöpfung“, die die Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz vorgelegt hat, ist als eine Fortführung und Vertiefung der ökologischen Aspekte des gemeinsamen Wortes zu verstehen. Auch hier ist die christliche Perspektive des Leitbildes nachhaltiger Entwicklung schöpfungstheologisch zu verorten. Als Kriterien für verantwortliches Handeln werden hier die Umweltverträglichkeit (Sicherung naturaler Ressourcen), Sozialverträglichkeit (Solidarität und Gemeinwohl) und die Individualverträglichkeit (Sorge des Menschen für sich selbst) genannt.

Aus den vielfältigen Rezeptionen von Nachhaltigkeit lassen sich verschiedene Lösungsansätze für die ökologisch-soziale Frage der modernen Gesellschaft ableiten. Mit den folgenden handlungsleitenden Kriterien Natur, Vernetzung und Zukunft lassen sich die wesentlichen Aspekte des Nachhaltigkeitsprinzips darstellen.

Zum einen fasst das Nachhaltigkeitsprinzip das Mensch-Natur-Verhältnis mit ein. Wichtig ist dabei, dass die Natur als naturale Umwelt des Menschen sowie in ihrer Eigenbedeutung ethische Relevanz erlangt. Außerdem wird der christliche Schöpfungsglaube im gesamt-gesellschaftlichen Diskurs der modernen Gesellschaft relevant. Hier wird der Eigenwert der Natur im Sinne der Mitgeschöpflichkeit hervorgehoben. Die anthropozentrische Ausrichtung im Mensch-Umwelt-Verhältnis wird dabei nicht in Frage gestellt. Um die Umweltfunktionen dauerhaft zu sichern darf die Nutzung einer Ressource nicht größer als ihre Regenerationsrate sein. Zusätzlich darf die Freisetzung von Stoffen nicht größer als die Aufnahmefähigkeit der Umwelt sein.

Das zweite Kriterium Vernetzung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Problemfeldern der Gesellschaft ist zentral für das Nachhaltigkeitsprinzip. Damit soll die Komplexität der modernen Gesellschaft systematisch beleuchtet werden. Mit dem Prinzip der Vernetzung wird die gegenseitige Abhängigkeit der ökonomischen, ökologischen und sozialen Faktoren gesamtgesellschaftlicher Entwicklung zum Gegenstand der ethischen Reflexion. Somit sind die ökonomischen, ökologischen und sozialen Ziele gesamtgesellschaftlicher Entwicklung als einander ergänzende, korrigierende und fördernde Bedingungen zu betrachten. Um dem Prinzip der Vernetzung gerecht zu werden sind die Eingriffe in das ökologische System schonend vorzunehmen. Außerdem ist die Eigendynamik der gesellschaftlichen Teilsysteme zu berücksichtigen und die ökonomischen, ökologischen und sozialen Handlungsfelder sind regional zu begrenzen um die jeweiligen Zuständigkeit klar zu definieren.

Mit dem dritten Prinzip der Zukunft bezieht das Sozialprinzip der Nachhaltigkeit die Dimension der intergenerationellen Gerechtigkeit mit ein. Es werden die handlungsleitenden Kriterien nachhaltiger Entwicklung um den Faktor Zeit erweitert. Die Zukunftsdimension wird in die Ausgestaltung der sozialen Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaft integriert. Im Bezug auf die Dimension intergenerationeller Gerechtigkeit müssen die Auswirkungen gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen auf ökonomische, ökologische und soziale Lebensbedingungen künftiger Generationen schon heute normativ reflektiert werden. Die Entscheidungsprozesse der modernen Gesellschaft müssen um die Perspektive der Zeit erweitert werden. Außerdem müssen den künftigen Generationen dieselben Mindeststandards der Lebensbedingungen durch Vorsorge eingeräumt werden.

Mit diesen drei grundlegenden Dimensionen der Natur, der Vernetzung und der intergenerationellen Gerechtigkeit wird der normative Anspruch des Sozialprinzips der Nachhaltigkeit umfasst.

Literatur:

Veith, Werner, Nachhaltigkeit, in: Heimbach-Steins, Marianne (Hrsg.), Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch. Band 1: Grundlagen. Regensburg (Pustet) 2004, 302-314.

Written by Lucia Saric

November 27, 2008 at 4:10 pm

Veröffentlicht in Sozialprinzipien

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Individualität und Sozialität nach Anzenbacher

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Der Mensch als Person befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Individualität und sozialer Verwiesenheit. Einerseits ist der Mensch ein Bedürfniswesen, das auf ein System existentieller Zwecke, die teils aus der elementaren Bedürfnisstruktur (zum Beispiel Nahrung, Kleidung), teils aus der Triebstruktur der Animalität des Menschen resultieren, hingeordnet ist. Andererseits kann der Mensch sich nur in der Gemeinschaft mit anderen entfalten. Individualität und Sozialität gehören also untrennbar zusammen. Dieser Spannungsbogen von Sozialität und Individualität macht es notwendig, für das soziale Miteinander Regeln aufzustellen, die es einem jeden ermöglichen sollen, ein „gutes Leben“ (Anzenbacher 1998, S. 185) zu führen. In einem wechselseitigen Anerkennungsverhältnis (vgl. Anzenbacher 1998, S. 185) müssen sich die Menschen wechselseitige Rechte im Sinne von Grundbedingungen des Menschseins einräumen. Für diese Menschenrechte ist eine staatliche Gewalt, erforderlich, der diese zu Grundrechten macht, sie sanktioniert und in einer Rechtsordnung durchsetzt.
Die Staatlichkeit ergibt sich transzendental aus der Idee des Anerkennungsverhältnisses; somit ist der Mensch von Natur aus ein „zôon politikón“, ein politisches Lebewesen.
Es ist notwendig, dass „die gesellschaftliche Ordnung und ihre Entwicklung […] sich dauernd am Wohl der Person orientieren“ (GS 26). Nach biblischen Zeugnis macht sich Gott selbst zum Anwalt der gleichen Würde aller Menschen. Diese Würde beruht auf der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und nimmt jedermann im Sinne des wechselseitigen „Anerkennungsverhältnisses (Liebesgebot) in die Pflicht“ (Anzenbacher 1998, S. 188).
Literatur:
Anzenbacher, Arno, Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien. Paderborn u.a. 1998.

Written by Philipp Schmid

November 18, 2008 at 6:00 pm

Veröffentlicht in Personalität

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Aspekte der Personalität nach Anzenbacher

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Der Personbegriff „bildet den Angelpunkt der christlich-sozialethischen Reflexion“ (Anzenbacher 1998 (Vollangabe am Ende des Artikels); S. 179). Man kann fünf sozialethisch relevante Hauptaspekte der Personalität nennen:

(1) Der Mensch ist mit seinem Leib Teil der materiellen Natur, mit seinem Geist, seiner Vernunft, überragt er die Dingwelt jedoch. Der Mensch gehört einerseits zur Natur, anderseits kann er sie durch sein Person Sein transzendieren. Die personale Einheit von Geist und Leib begründet die einzigartige Würde des Menschen, „welche die biblische Rede vom Abbild Gottes […] meint“ (Anzenbacher 1998; S. 180).

(2) Ebenso unverzichtbar wie die Individualität des Menschen als Person ist der Aspekt des „Mit-Seins“, also die Sozialität und Interpersonalität des Menschen. (3) Der Mensch ist ein moralisches Subjekt, das die Gesetze seines Handelns selbst bestimmen kann und somit in der Verantwortung für sein Tun steht. Die Gestaltung des eigenen Lebens soll der Mensch selbstverantwortlich vornehmen, wobei er seiner Sozialität eingedenk sein muss.

(4) Der vierte Aspekt der Personalität ist die Transzendenz: Der Mensch ist sich seiner Endlichkeit bewusst und stellt die Frage nach Ursprung und Sinn des Leben. Aus christlicher Sicht ist der Mensch somit in seiner „Weltorientierung und Existenzerhellung existential religiös“ (Anzenbacher 1998; S. 182).

(5) Als fünften und letzten Punkt nennt Anzenbacher den anthropologischen Sachverhalt der Sünde, auf welche die Offenbarung verweist. Es besteht ein Spannungsbogen zwischen Schuld und Erlösung, der jedoch nicht nur individualethisch, sondern auch auf gesellschaftliche Verhältnisse bezogen ist, auf sogenannte „Strukturen der Sünde“ (Anzenbacher 1998; S. 182). Der christliche Glaube fordert den Einsatz für soziale Gerechtigkeit, weiß aber, dass die Vollendung von Mensch und Menschheit nicht innerzeitlich stattfindet, sondern als das „kommende Reich Gottes eschatologisch aussteht“ (Anzenbacher 1998; S. 182).

Literatur:

Anzenbacher, Arno, Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien. Paderborn u.a. 1998.

Written by Philipp Schmid

November 18, 2008 at 5:52 pm

Solidarität (aus: Ethik der Lebensbereiche)

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Solidarität und Subsidiarität als heuristische Prinzipien

Diese zwei Sozialprinzipien sind Basisorientierung für die Einrichtung esellschaftlicher Institutionen und konkretisieren den Anspruch der Persongerechtigkeit. Sie knüpfen an die fundamentale Spannung von Individualität und Sozialität an, in der sich das Personsein vollzieht und entfaltet.

1. Solidarität als Sozialprinzip

Der Begriff der Solidarität ist eine Wortbildung aus der französischen Sozialphilosophie des 19. Jahrhunderts und greift auf einen Terminus, in solidium obligari, aus dem römischen Recht zurück. Dieser bedeutet, Individuen in Gemeinhaftung für eine Sache zu nehmen. Die modernen Gesellschaften machen sich die wechselseitige Abhängigkeit von Einzelmensch und Gesellschaft zu nutze („alle sitzen im gleichen Boot“). Das Solidaritätsprinzip besagt also, dass gegenseitige Hilfe und Fürsorge notwendig ist. Nur so ist eine Wertschätzung des Anderen gegeben. Aber tugendhafte Einstellung und caritatives Engagement alleine reichen dafür nicht aus. Es müssen gesellschaftliche Einrichtungen geschafften werden, die ein Miteinander  (soziale Kooperation) hervorbringen. Gegenseitige Verantwortung gilt als sittliche Grundidee.

In der Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ wird Solidarität als „die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das „Gemeinwohl“ einzusetzen, das heißt für das Wohl aller und eines jeden, weil wir für alle verantwortlich sind“ definiert. (SRS 38)

„Solidarität ist die Fähigkeit (Kompetenz) eines Menschen, sich für das Gemeinwohl und darin für eine gerechte Verteilung der Lebenschancen (wie bewohnbare Welt, Nahrung, Wohnen, Familiengründung, freie Erziehung, Bildung, Arbeit, gemeinsame öffentliche Religionsausübung) stark zu machen.“ (Zulehner u.a.)

Aus diesem Zitat geht hervor, dass praktisches Handeln in Mangelsituation gefordert wird, egal ob man selbst von einer Notlage betroffen ist oder nicht.

Nach Anzenbacher ist Solidarität strikt „Rechtspflicht“: Solidarität muss sich institutionell absichern, z.B. durch soziale Sicherungssysteme. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaftsordnung. Zudem ist solidarische Einstellung und praktisches Handeln vieler Menschen notwendig (z.B. in Kirchen, Wohlfahrtsverbänden u.ä.), um die öffentlichen Einrichtungen zu erhalten. Diese beiden Ebenen sind voneinander zu unterscheiden, sind aber in der Praxis  aufeinander angewiesen, damit eine persongerechte Gesellschaftsgestaltung gelingen kann.

2. Die „Option für die Armen“ als Solidaritätsaxiom

Die Option für die Armen als „Solidaritätsaxiom“ (P. Rottländer) der christlichen Theologie / Sozialethik bedeutet, dass dies ein Fundamentalkriterium gesellschaftlicher Praxis darstellt. Sie gibt Orientierungen für gesellschaftliches Handeln, für eine diakonische Kirche und dient als grundlegendes Beurteilungskriterium, wenn es um ethische Qualität gesellschaftlicher Prozesse und Entscheidungen geht. In der Katholischen Bischofskonferenz der USA 1986 wurde die Aussage gemacht, dass „jede wirtschaftliche Entscheidung und Institution danach beurteilt werden muss, ob sie die Würde des Menschen schützt oder verletzt…“.

3. Solidarität und Subsidiarität – komplementäre Prinzipien

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Prinzipien das Personprinzip auslegen und eine Richtung angeben für ein persongerechtes Leben in der Gesellschaft. Während das Subsidiaritätsprinzip eine formale Struktur verfolgt, will das Solidaritätsprinzip den Inhalt gewisser Fragen klären, wie z.B. Reformfragen der Sozialversicherungen. In den Diskussionen der solidarischen Hilfe wird zur Zeit der Aspekt der Eigenverantwortung hervorgehoben. Mit Eigenverantwortung ist aber nicht der Subsidiaritätsgedanke gemeint und deshalb soll Eigenverantwortung nicht gegen Solidarität ausgespielt werden.

Beide, Solidarität sowie Subsidiarität, sind aus dem Personprinzip abgeleitet. Sie konkurrieren nicht miteinander, sondern sind komplementäre Prinzipien. Als normatives Fundament können sie Hilfe geben bei anstehenden Fragen, jedoche keine individuellen Probleme lösen.

Aus: Heimbach-Steins, Marianne, Sozialethik, in: Dies./Klaus Arntz/Johannes Reiter/Herbert Schlögel, Orientierungen finden. Ethik der Lebensbereiche, Freiburg 2008, 187-193.

Written by katha86

November 18, 2008 at 12:27 am

Veröffentlicht in Solidarität